Der Blick in den Persönlichkeits-Spiegel

 

Stell Dir vor, Du stehst morgens auf, wandelst schlaftrunken oder auch richtig munter ins Badezimmer und stellst Dich dem Morgengrauen: Deinem Blick in den Badezimmerspiegel. Du stellst vielleicht fest, es gefällt Dir nicht so richtig, was Du da siehst. Und nun gehst du her, greifst nach Deinem Make-up oder das Deiner Frau, nimmst Puder, Rouge und Lippenstift und schminkst Dein Spiegelbild. Jetzt hast Du das Erscheinungsbild im Spiegel mit etwas künstlerischem Geschick vielleicht sogar verbessert, aber Du selbst siehst immer noch genau so aus, wie ein paar Minuten zuvor.

Wie innen so außen, heißt es. Die Außenwelt sei ein Spiegel der Innenwelt, heißt es. Doch was genau verbirgt sich dahinter? Ist es damit getan, einfach zu sagen, die Welt sei ein Spiegel?. Die Betonung liegt hier auf „ein“. Die Welt spiegelt diverse Facetten Deines Seins, Deiner Selbsteinschätzung, Deiner Weltanschauung. Du kannst mit diesen Spiegeln arbeiten, indem Du sie Dir bewusst machst und reflektierst. Du kannst es selbstverständlich auch lassen, denn dem Spiegel ist es egal. Wozu also mit dem Spiegel arbeiten? Du gibst Dir selbst die Chance, Verantwortung für Dich und Dein Sein zu übernehmen. Oder hast Du Dich bereits mit der Opferrolle abgefunden? Ein Opfer zu sein hat den Vorteil, dass Du nichts verändern musst, es sind und bleiben alle anderen schuldig, was auch immer in Deinem Leben passiert. Ich frage mich, macht Dich das wirklich glücklich? Oder hältst Du Dich selbst damit klein und schwach?

Wonach lebe ich, welche Regeln haben sich innerlich bei mir manifestiert? Wie behandeln mich andere, mein Partner, meine Freunde, meine Kollegen, mein Chef? Oder: wie lasse ich mich von anderen behandeln? Nehmen sie mich genauso an, wie ich nun mal bin, oder wird gemäkelt, kritisiert… Warum lass ich mir das als Erwachsener manchmal oder sogar ständig gefallen?

Das Leben hält mir diesen Spiegel immer wieder und wieder vor die Nase. Nur, wenn ich mir selbst immer wieder vor Augen halte, ich sei schwach, nicht genug, kann dieses und jenes nicht, solange wird mir das von den anderen in meinem Umfeld auch gespiegelt. Die Themen, die mich besonders stark triggern, gilt es unter die Lupe zu nehmen.

Es gibt da u. a.  den „das-gefällt-mir-Spiegel“, den „das-gefällt-mir-nicht-Spiegel“, den „davon-bin-ich-überzeugt-Spiegel“ und den „ich-kann-mich-nicht-leiden-Spiegel“.

Neulich war ich mit meinen besten Freundinnen verabredet. Ich rauschte grad noch so auf den letzten Drücker in der vereinbarten Tapas-Bar ein und war glücklich, dass ich für den Fahrweg dorthin 30 Minuten mehr eingeplant hatte. Ich bewunderte meine Freundin für ihre Pünktlichkeit – eine Tugend, die ich auch an mir sehr schätze (der „das-gefällt-mir-Spiegel“) – während wir unter ständiger Uhrzeit- und Nachrichtenkontrolle auf unseren Handys auf unsere dritte Freundin warteten.

Wir scharrten beide schon mit den Hufen und rutschten ungeduldig auf den Stühlen hin und her. Hier hatte ich den nächsten Spiegel, als mir dies an meiner Freundin so negativ auffiel. Ich fühle mich irgendwie immer schlecht, wenn ich mit angespannten Erwartungen anderer konfrontiert werden. In der Reflektion bedeutet das für mich, dass mich meine eigene Ungeduld immer wieder nervt, wenn es einfach nicht voran geht. Je öfter mir dies auffällt, desto mehr kann ich daran arbeiten und meine exorbitanten Erwartungen etwas herunterschrauben. Die dritte im Bunde war dann auch bald da und wir hatten einen lustigen und anregenden Nachmittag.

Am darauffolgenden Tag sitze ich im Wartezimmer meines Hausarztes. Wie immer ist es proppenvoll und ich weiß, dass es trotz Termin eine Stunde und mehr dauern kann, bis ich ins Sprechzimmer gerufen werde. Ich nehme das gelassen hin. Aber was ist mit dem Mann mittleren Alters, der mir gegenüber sitzt, unablässig mit dem Knie wackelt und vor und zurück schaukelt?

Ich gebe zu, ich fühl mich leicht bis mittelmäßig genervt. Für einen kleinen Moment spüre ich einen starken Impuls aggressiv zu werden – wie gesagt, das ist nur ein kleiner Moment, dann bedaure ich ihn und meine Gelassenheit hat wieder die Oberhand. Spiegelt dieser Mensch mich auch? Oder bin ich hier vielleicht für ihn ein Spiegel. Ich bewundere meine eigene  Ruhe und Gelassenheit und möchte gerne etwas davon abgeben. Nimmt er das wahr? ich bin mir nicht sicher – doch das Zappeln und Schaukeln hört nach wenigen Minuten auf und Entspannung macht sich breit im Wartezimmer.

Auch Tiere sind eine großartige Projektionsfläche. Kürzlich habe ich festgestellt, dass meine sonst so ruhige und bequeme alte Perserkatze drei Tage und Nächte extrem aufgekratzt war. So huschte das rote Fellbündel immer wieder hin und her, Treppe rauf, Treppe runter, quer durch die Küche, manchmal wie von der Tarantel gestochen, maunzte lautstark und hatte leichte aggressive Anwandlungen.

Letzteres ist mir besonders beim Spielen mit ihr aufgefallen. Ich konnte es in ihren Augen und an ihren heftigen Schlägen erkennen, dass sie ihr Spielzeug am liebsten getötet hätte. Ich fragte mich als liebende Katzenmama natürlich, was genau mit ihr los sei. Und dann, ja dann fiel mir auf, dass ich in den letzten Tagen innerlich sehr unruhig war, zahlreiche Fragen in meinem Kopf immer wieder aufgeworfen, gedreht und gewendet habe.

Ich fühlte mich unsicher, rastlos und war wütend auf mich. Als ich das erkannte, habe ich mich mit Stift und Papier an meinen Schreibtisch gesetzt und Ordnung geschaffen – auf dem Schreibtisch und in meinem Kopf. Danach war ich klarer, entspannter und fröhlich. Meine Mieze dankte es mir mit Ausgeglichenheit und lautem Schnurren.

Richtig ins Eingemachte geht es, wenn etwas oder jemand heftige Wut oder große Angst in uns ausgelöst. Hier sind wir oft dermaßen gelähmt, dass wir gar nicht erst auf die Idee kommen, mal genau in uns zu schauen. Wir fokussieren uns in unserem Gedankenkarussell auf das Schlechte, kauen die vermeintliche Bedrohung gedanklich und verbal immer wieder und immer wieder durch. Wir malen uns Ereignisse, die gar nicht eingetreten sind, in allen Facetten aus, fühlen uns intensiv hinein und geben ihnen damit die Energie, um in unserem Leben auch tatsächlich in Erscheinung zu treten!

Hier haben wir ganz deutlich dieses „wie innen so außen“. Und hier leiden wir oftmals ohnmächtig in unseren Partnerschaften und auch „Nicht-Partnerschaften“. Wie viele von uns tragen ein altes schweres Paket mit sich herum und vertrauen ihrer Beziehung, dem Partner, sich selbst so wenig, dass ein Ende vorprogrammiert ist. Manch einer kommt gar nicht soweit und findet keinen Partner, da er sich durch seine konditionierten Glaubensmuster selbst blockiert. Da kannst Du noch so oft sagen, Du seist bereit für die Liebe, das Leben wirft Dir immer wieder jemanden vor, der Dir diese Blockaden, Deine „Nicht-Bereitschaft“ spiegelt und Deine Glaubensmuster bestätigt.

Und ich frage noch einmal: Gibst Du Dich mit der Opferrolle zufrieden und glaubst weiterhin, all die anderen tragen die Schuld für Deine Lebensumstände? Oder bist du bereit, Dich mit Deinem inneren Pferdefuß auseinander zu setzen und die Verantwortung für Dich zu übernehmen?

Alles klar soweit? Wenn nicht schau doch mal auf die „10 Gebote in Deiner Rolle als Mensch“ (Dr. rer. nat. psych. Ralf-Henning Lampe).

Der nächste Morgen, gerade ausgeschlafen, vielleicht auch abgebrochen, bin ich irgendwie im Bad gelandet, stehe vor dem Spiegel und entscheide mich, die Aufhübsch-Utensilien lieber an mir selbst anzuwenden. Einigermaßen zufrieden mit dem, was ich sehe, küsse ich mir links und rechts auf die Schultern und werfe mir eine Kusshand zu. Mal schauen, wer mich heute triggern wird.

Fortsetzung folgt.

Mitakuye Oyasin und alles Liebe für Dich, lieber Leser!

Ostara

 

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